Was macht eigentlich der Fliegenpilz übers Jahr?
Von der Spore zum Pilzgeflecht
Wenn über den Sommer eine mikroskopisch kleine Spore des feuerroten Fliegenpilzes (Amanita muscaria) auf den Waldboden fällt, beginnt unterirdisch ein faszinierendes Schauspiel: Die Spore saugt sich mit Wasser voll und bildet kleine Fäden. Diese durchziehen das Erdreich und suchen nach Fäden anderer Fliegenpilzsporen. Haben sich zwei gefunden, die sich genetisch ausreichend voneinander unterscheiden, vereinigen sie sich und wachsen fortan als ein einziges Pilzgeflecht weiter.
Bevor jedoch der uns bekannte Fliegenpilz aus dem Boden schießen kann, braucht das nun geschlechtsreife Pilzgeflecht einen Verbündeten: einen Baum.
Mit Birken und Fichten vernetzt
Das Fliegenpilzgeflecht hat eine besondere Vorliebe für Birken und Fichten, seltener auch für Kiefern. Im Erdreich streckt es seine Fäden nach den Feinwurzeln dieser Bäume aus und umhüllt sie sanft. Die Pilzfäden wachsen sogar ein Stück weit in die Baumwurzeln hinein.
Das ist für beide von Vorteil: Der Pilz hilft seinem Baum, Wasser, Mineralien und Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff aus dem Boden aufzunehmen. Im Gegenzug erhält er energiereichen Zucker, den der Baum in seinen Blättern bzw. Nadeln gebildet hat. Baum und Pilz gehen eine "Symbiose" ein.

Aufeinander eingestimmt: Die heruntergefallenen Nadeln von Fichten und Kiefern reichern den Boden mit Säure an. Der Fliegenpilz freut sich über den sauren Boden. (Foto: Tingeling auf Pixabay)
Endspurt zum Fruchtkörper
Wenn nun auch noch das Wetter stimmt – der Fliegenpilz mag es warm und feucht –, entwickeln sich im Geflecht kleine Knoten. Diese schwellen immer weiter an, bis sie die Erdoberfläche durchstoßen und als rätselhafte Kugeln im grünen Moos auftauchen.
Das Pilzei ist umschlossen von einer weißen Hülle. Streckt sich nun der darin schlummernde Fruchtkörper in die Höhe, reißt die Hülle auf. Sie bleibt als weiße Tupfen auf dem leuchtend roten Hut zurück. Damit steht der Fliegenpilz im Wald, wie wir ihn kennen.
Sein Fruchtkörper lebt nur maximal zwei Wochen. In dieser Zeit bildet er Millionen neue Sporen aus, die der Wind im Wald verteilt. Das unterirdische Pilzgeflecht dagegen kann mehrere Jahre alt werden.

Sommer bis Herbst: Die Fruchtkörper des Fliegenpilzes strecken sich zwischen Juli und Oktober aus dem Boden. (Foto: Fotograf_Tabarz auf Pixabay)
Rot heißt: Ich bin gefährlich!
Der Fliegenpilz zählt zu den Giftpilzen. In seiner roten Kappe steckt Ibotensäure, die sich beim Trocknen oder Erhitzen in Muscimol umwandelt. Muscimol wirkt wie Alkohol: Es beeinträchtigt die Wahrnehmung, die Sprache und den Gang. Außerdem kann es Halluzinationen und Orientierungsstörungen hervorrufen und in extremen Fällen sogar zum Koma führen.

Von gelb bis rot: Die Hutfarbe schwankt von Pilz zu Pilz. Sie kann gelblich, orange oder rötlich sein. Häufig wäscht auch der Regen die Farbe aus, sodass der Fliegenpilz blass aussieht. (Foto: ThiloBecker auf Pixabay)
Von den Rentieren abgeschaut
Dass der Fliegenpilz berauschend wirkt, lernten die Menschen von den Rentieren. Die indigenen Kulturen der Mansen, Chanten und Kamtschadalen in Nordeuropa und Sibirien beobachteten, wie die großen Herdentiere gezielt unter dem Schnee nach Fliegenpilzen gruben. Nachdem die Rentiere den Pilz gefressen hatten, torkelten sie plötzlich umher. Neugierig machten die Menschen es ihnen nach – und drangen in neue Bewusstseinsebenen vor! Für die Schamanen dieser Völker galt und gilt der Fliegenpilz als ein heiliges Rauschmittel, durch das sie sich mit der spirituellen, göttlichen Welt verbinden können. Sie verehren ihn.

Nebenwirkungen vermeiden: Um sich Übelkeit und Erbrechen zu ersparen, tranken die Schamanen auch den Urin von Rentieren und Menschen, die zuvor Fliegenpilz zu sich genommen hatten. Denn das Muscimol darin ist genau so dosiert, dass es einen Rauschzustand ohne Nebenwirkungen auslöst. (Foto: WalterBieck auf Pixabay)
Giftig, aber nicht lebensgefährlich
In Deutschland wird der Fliegenpilz wegen seiner halluzinogenen Wirkung als Giftpilz eingestuft. Bei einer Vergiftung treten die oben beschriebenen Rauschsymptome auf. Sie kommen nach etwa 3 Stunden und klingen nach spätestens einem Tag von allein wieder ab. Lebensbedrohlich ist die Vergiftung nicht, denn Muscimol schädigt keine Organe und zeigt auch keine Spätfolgen.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz schreibt, dass eine erwachsene Person schon eine ganze Mahlzeit aus mindestens 1 Kilogramm Fliegenpilz essen müsste, um in eine lebensbedrohliche Lage zu kommen, in der Herz und Kreislauf versagen. Wer aus Versehen Fliegenpilz gegessen hat, kann das Gift mit medizinischer Kohle neutralisieren oder sich übergeben und den Magen entleeren.
Trotz allem solltest du mit dem Fliegenpilz nicht experimentieren! Denn die Konzentration von Muscimol ist in jedem Pilzhut unterschiedlich. Dadurch kannst du nicht einschätzen, wie stark die Wirkung ist. Problematisch wird dann dein Verhalten. Da dein Urteilsvermögen beeinträchtigt ist, bringst du dich möglicherweise in gefährliche Situationen.

Von Kugel zu Teller: Junge Fliegenpilze haben noch einen kugeligen Hut. Je älter sie werden, desto flacher wird er, bis sich sein Rand sogar nach oben wölbt. (Foto: FotoEmotions auf Pixabay)
Übrigens: Woher der Fliegenpilz seinen Namen hat
Es gibt verschiedene Deutungsansätze, worauf sich das "Fliegen" in seinem Namen bezieht. Eine Interpretation ist, dass im Rauschzustand das Gefühl des Fliegens eintreten kann. Aber ein Blick auf den lateinischen Namen – Amanita muscaria – verrät etwas anderes: Muscaria leitet sich von musca ab, dem lateinischen Wort für Fliege. Der Name bezieht sich also auf die lästigen kleinen Sechsbeiner, und tatsächlich wurde der Fliegenpilz früher benutzt, um Fliegen zu fangen: Klein geschnitten in gezuckerter Milch lockte man damit Fliegen an. Weil diese nach ihrem Milchshake ziemlich einen im Tee hatten, konnte man sie einfacher erschlagen oder nach draußen kehren.

Berauschte Fliegen: Auch Stubenfliegen sterben nicht bei einem Fliegenpilzrausch. Sie ertrinken höchstens, wenn sie in die Milchschale fallen. (Foto: Mylene2401 auf Pixabay)