Vier-Fährten-Logo
VF
Vier Fährten
Wildnisschule in Leipzig

Was macht eigentlich der Fliegenpilz übers Jahr?

Fliegenpilz im Buchenwald
Profilbild von Elisa
geschrieben von
Elisa

Von der Spore zum Pilzgeflecht

Wenn über den Sommer eine mikroskopisch kleine Fliegenpilzspore (Amanita muscaria) auf den Waldboden fällt, beginnt unterirdisch ein faszinierendes Schauspiel: Die Spore saugt sich mit Wasser voll und bildet kleine Fäden. Diese durchziehen das Erdreich und suchen nach Fäden anderer Fliegenpilzsporen. Haben sich zwei gefunden, die sich genetisch ausreichend voneinander unterscheiden, vereinigen sie sich und wachsen fortan als ein einziges Pilzgeflecht weiter. Bevor jedoch der uns bekannte Fliegenpilz aus dem Boden schießen kann, braucht das nun geschlechtsreife Pilzgeflecht einen Verbündeten: einen Baum.

Mit Birken und Fichten vernetzt

Das Fliegenpilzgeflecht hat eine besondere Vorliebe für Birken und Fichten, seltener auch für Kiefern. Im Erdreich streckt es seine Fäden nach den Feinwurzeln dieser Bäume aus und umhüllt sie sanft. Die Pilzfäden wachsen sogar ein Stück weit in die Baumwurzeln hinein. 

Das ist für beide von Vorteil: Der Pilz hilft seinem Baum, Wasser, Mineralien und Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff aus dem Boden aufzunehmen. Im Gegenzug erhält er energiereichen Zucker, den der Baum in seinen Blättern bzw. Nadeln gebildet hat. Baum und Pilz sind eine "Symbiose" eingegangen.

Fliegenpilz mit Fichtenzweigen

Aufeinander eingestimmt: Fichten und Kiefern reichern den Boden durch ihre heruntergefallenen Nadeln mit Säure an. Der Fliegenpilz kommt damit wunderbar zurecht. Er ist auf saurem Boden zu Hause.

Endspurt zum Fruchtkörper

Wenn nun auch noch das Wetter stimmt – warm und feucht muss es für den Fliegenpilz sein – entwickeln sich im Geflecht kleine Knoten. Diese schwellen immer weiter an, bis sie die Erdoberfläche durchstoßen und als weiße Eier im grünen Moos auftauchen.

Das Pilzei ist umschlossen von einer weißen Hülle. Streckt sich nun der darin schlummernde Fruchtkörper in die Höhe, reißt seine Hülle auf und bleibt als weiße Tupfen auf dem leuchtend roten Hut zurück. Nun steht der Fliegenpilz im Wald, so wie wir ihn kennen.

Sein Fruchtkörper lebt nur maximal zwei Wochen. In dieser Zeit bildet er Millionen neue Sporen aus, die vom Wind im Wald verteilt werden. Das unterirdische Pilzgeflecht dagegen kann mehrere Jahre alt werden.

Junger Fliegenpilz

Sommer bis Herbst: Die Fruchtkörper des Fliegenpilzes strecken sich zwischen Juli und Oktober aus dem Boden.

Rot heißt: Ich bin gefährlich!

Der Fliegenpilz zählt zu den Giftpilzen. In seiner roten Kappe steckt Ibotensäure, die sich beim Trocknen oder Erhitzen in Muscimol umwandelt. Muscimol wirkt wie Alkohol: Es beeinträchtigt die Wahrnehmung, die Sprache, den Gang, kann Halluzinationen, Bewusstseins- und Orientierungsstörungen hervorrufen und sogar zum Koma führen.

Fliegenpilz

Von gelb bis rot: Die Hutfarbe schwankt von Pilz zu Pilz. Sie kann gelblich, orange und rötlich sein. Häufig wäscht auch der Regen die Farbe aus und er sieht blass aus.

Von den Rentieren abgeschaut

Bei vielen indigenen Kulturen in Nordeuropa und Sibirien galt der Fliegenpilz als ein heiliges Rauschmittel. Die Menschen dort beobachteten, dass Rentiere gezielt nach Fliegenpilzen gruben, sogar unter der Schneedecke. Nachdem die Tiere sie gefressen hatten, torkelten sie in ihrer Herde und tanzten plötzlich aus der Reihe. Vor allem die Schamanen der Mansen, Chanten und Kamtschadalen nutzten den Pilz, um sich mit der spirituellen, göttlichen Welt zu verbinden.

Rentiere im Wald

Nebenwirkungen vermeiden: Um sich Übelkeit und Erbrechen zu ersparen, tranken die Schamanen auch den Urin von Rentier und Mensch, die zuvor Fliegenpilz zu sich genommen hatten. Denn darin ist noch genügend Muscimol enthalten, um einen Rauschzustand ohne Nebenwirkungen zu erleben.

Trotz Gift nicht lebensgefährlich

Der Bund für Umwelt und Naturschutz schreibt, dass eine erwachsene Person schon eine ganze Mahlzeit aus mindestens 1 Kilogramm Fliegenpilz essen müsste, um in eine lebensbedrohliche Lage zu kommen. Ansonsten ruft der Pilz die oben beschriebenen Rauschsymptome hervor, die nach etwa 3 Stunden einsetzten und nach spätestens einem Tag von allein wieder abklingen. Wer aus Versehen Fliegenpilz gegessen hat, kann das Gift mit medizinischer Kohle neutralisieren oder den Magen entleeren.

Trotz allem sollte mit dem Fliegenpilz nicht experimentiert werden! Denn die Konzentration von Muscimol ist in jedem Pilzhut unterschiedlich, wodurch der Rauschzustand nicht abzuschätzen ist.

Zwei ältere Fliegenpilze

Von Kugel zu Teller: Junge Fliegenpilze haben noch einen kugeligen Hut. Je älter sie werden, umso flacher wird er, bis sich sein Rand sogar nach oben wölbt.

Woher der Fliegenpilz seinen Namen hat

Es gibt verschiedene Deutungsansätze, worauf sich das "Fliegen" in seinem Namen bezieht. Eine Interpretation ist, dass im Rauschzustand das Gefühl des Fliegens eintreten kann. Aber ein Blick auf den lateinischen Namen verrät etwas anderes: Amanita muscaria.

Muscaria leitet sich von musca ab, was das lateinische Wort für Fliege ist. Der Name bezieht sich also auf die lästigen kleinen Sechsbeiner. Und tatsächlich wurde der Fliegenpilz früher benutzt, um Fliegen zu fangen: klein geschnitten in gezuckerter Milch lockte er Fliegen an, die nach ihrem Milchshake ziemlich einen im Tee hatten. So konnte man sie einfacher erschlagen oder nach draußen kehren.

Fliege an Gelee

Berauschte Fliegen: Auch Stubenfliegen sterben nicht bei einem Vollrausch. Sie ertrinken höchstens, wenn sie in die Milchschale fallen.

Übrigens: Warum der Fliegenpilz ein Glückssymbol ist

Erst ab 1900 taucht der Fliegenpilz vermehrt als Glückssymbol auf. Seinen guten Ruf verdankt er in erster Linie seinen kräftigen Farben: ein leuchtendes Rot mit weißen Tupfen ist einfach hübsch. Genauso wie beim Marienkäfer, der durch seinen farbenfrohen Kontrast von rot und schwarz ebenfalls ein Glückssymbol geworden ist.

Du bist neugierig geworden und möchtest nichts mehr verpassen? Dann abonniere jetzt die Eichhörnchen-Post:

Einmal im Monat erhältst du kommende Veranstaltungen, Frühbuchervorteile und faszinierendes Waldwissen direkt in dein Postfach.

Es gelten die Datenschutzbestimmungen.

Mehr zum Thema

Bild zum Blogbeitrag 'Jahr des Feuers'
Jahr des Feuers
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich die Feuerwanze übers Jahr?'
Was macht eigentlich die Feuerwanze übers Jahr?
Feuerlibelle-Maennchen
Was macht eigentlich die Feuerlibelle übers Jahr?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich das Bärtierchen im Frühling?'
Was macht eigentlich das Bärtierchen im Frühling?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich die Schwarzkiefer im Frühling?'
Was macht eigentlich die Schwarzkiefer im Frühling?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich die Große Brennnessel übers Jahr?'
Was macht eigentlich die Große Brennnessel übers Jahr?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich das Glühwürmchen im Sommer?'
Was macht eigentlich das Glühwürmchen im Sommer?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich der Feuersalamander übers Jahr?'
Was macht eigentlich der Feuersalamander übers Jahr?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich der Schwarze Kiefernprachtkäfer übers Jahr?'
Was macht eigentlich der Schwarze Kiefernprachtkäfer übers Jahr?
Bild zum Blogbeitrag 'Was ist eigentlich die Rußrindenkrankheit?'
Was ist eigentlich die Rußrindenkrankheit?
Fliegenpilz im Buchenwald
Was macht eigentlich der Fliegenpilz übers Jahr?
Du liest gerade...

Eine dekorative Ranke

Das könnte dich auch interessieren

Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich die Nutria im Frühling?'
Was macht eigentlich die Nutria im Frühling?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich der Waschbär übers Jahr?'
Was macht eigentlich der Waschbär übers Jahr?
Bild zum Blogbeitrag 'Was macht eigentlich die Rotbuche übers Jahr?'
Was macht eigentlich die Rotbuche übers Jahr?
Kontakt
wildwechsel@vierfaehrten.de
015776088508
Design und Umsetzung:
texteCK.de
Powered by:
processwire.com
AGB Datenschutzbestimmungen Impressum Sitemap
© 2026 Elisa Buchterkirchen / Vier Fährten