Was macht eigentlich die Große Brennnessel übers Jahr?
Von der Blüte bis zum Samen
Die Große Brennnessel (Urtica dioica) treibt bereits im zeitigen Frühjahr neu aus. Als mehrjährige Pflanze kann sie bequem aus ihrem alten Wurzelstock herauswachsen und muss sich nicht mühevoll aus einem Samen entwickeln. Häufig stehen über den jungen Trieben noch die hellbraunen Stängel vom letzten Jahr.

Geheime Kinderstuben: In den Stielen der alten Nesseln vom Vorjahr entwickeln sich die Käferkinder vom Brennnessel-Spitzmausrüssler. (Foto: Vier Fährten)
Nach den Regengüssen im April schießt die Brennnessel dann in die Höhe: Die meisten Expemplare werden ein bis zwei Meter hoch, manche sogar noch höher, wenn der Standort günstig ist. Ihre Wurzeln dringen 70 Zentimeter tief in die Erde vor.
Die Große Brennnessel blüht zweihäusig getrenntgeschlechtlich. Das bedeutet, es gibt männliche und weibliche Pflanzen, an denen sich rispenförmige Blüten ausbilden.

Großer Klon: Brennnesseln können sich über ihre Wurzeln vermehren. Oft bestehen große Ansammlungen nur aus einer einzigen Pflanze. Alle Triebe haben das gleiche Erbmaterial. (Foto: Krzysztof Ziarnek, Kenraiz auf Wikipedia)
Bei den männlichen Nesseln stehen die Rispen waagerecht vom Stängel ab. Sie sind gespickt mit winzigen Kugeln. Stößt ein Vogel oder ein Insekt dagegen, löst sich feiner Pollenstaub heraus, der mit dem Wind in einer beeindruckenden Wolke zu den weiblichen Pflanzen hinüberschwebt.

Männliche Blüte: Brennnesselblüten sind unscheinbar, weil sie auf Windbestäubung setzen. Sie brauchen keine hübschen, duftenden Blüten, um Insekten anzulocken. (Foto: kutte auf Pixabay)
Die Rispen der weiblichen Nesseln hängen dagegen schwer nach unten. An ihnen sitzen weiße, flaumige Blüten, die wie kleine Sterne aussehen.

Weibliche Blüten: Die kleinen, sternförmigen Blüten sind leicht klebrig, um den Pollen einzufangen. (Foto: Martin Löw auf Pixabay)
Nach der Bestäubung reifen im Laufe des Sommers die Samen heran. Sie werden Nüsschen genannt. Um sich zu verbreiten, heften sie sich an das Fell vorbeilaufender Tiere oder fallen zu Boden. Dort können sie im nächsten Jahr keimen und den Fortbestand ihrer Art sichern.

Potente Nüsschen: Früher wurde den Samen der Brennnesseln eine aphrodisierende Wirkung zugeschrieben. (Foto: Hans auf Pixabay)
Wehrhaft durch Brennhaare
Die Brennhaare der Nessel sind ein kleines Wunderwerk. Sie bestehen aus einer langen, mit Kieselsäure verstärkten Nadel, auch "Köpfchen" genannt. In diesem Köpfchen steckt eine potente Mischung aus Ameisensäure, Histaminen, Acetylcholin und Serotonin. Brechen die Brennhaare ab, wird der Saft freigesetzt.

Gefürchtete Brennhaare: Die Brennhaare wachsen überall an der Nessel. Sowohl am Stängel, als auch auf beiden Blattseiten. (Foto: Jerome Prohaska auf Wikipedia)
Stößt man nun von oben gegen die Brennhaare, gelangt der Brennsaft direkt unter die Haut. Alle wissen, wie sich das anfühlt: Es brennt und juckt. Bei manchen bewirkt der Saft nur ein unangenehmes Kribbeln, bei anderen entstehen große Quaddeln.
Streift man jedoch die Brennhaare von unten nach oben ab und berührt sie somit entlang ihrer Wuchsrichtung, geschieht tatsächlich nichts. Der Brennsaft verflüchtigt sich einfach.
Doch warum besitzt die Nessel überhaupt diese lästigen Härchen?
Verteidigung gegen Fressfeinde
Die Brennnessel benötigt ihre Haare, um sich gegen Fressfeinde zu behaupten. Denn in ihren Blätter und Blüten stecken viele wichtige Nährstoffe: die Vitamine A, C und E, Mineralstoffe wie Kalium, Kalzium, Eisen und Mangan, sowie Eiweiß. Sie ist vitaminreicher als ein Salatkopf und enthält mehr Eiweiß als eine Sojabohne. Als Wildgemüse ist sie also sehr zu empfehlen.
Außerdem schlummern in der Großen Brennnessel starke Heilkräfte: Ein Tee aus den Blättern wirkt harntreibend und hilft gegen Nierengries und Harnwegsinfektionen. Zusätzlich regt er den Stoffwechsel und die Verdauung an. Ein Umschlag aus Nesseln mildert rheumatische Beschwerden.
Ebenso wie der Mensch lieben auch Tiere die Brennnessel, allen voran gefräßige Schmetterlingsraupen. Bei Tagpfauenauge, Admiral und Kleinem Fuchs stehen sogar ausschließlich Brennnesselblätter auf dem Speiseplan!

Angepasst: Den stacheligen Raupen des Tagpfauenauges machen die Brennhaare gar nichts aus. (Foto: zoosnow auf Pixabay)
Aber auch weniger bekannte Tiere sind eng mit der Großen Brennnessel verbunden: Der Brennnessel-Spitzmausrüssler (Taeniapion urticarium) zum Beispiel, ein kleiner Rüsselkäfer, legt seine Eier in ihre Sprossachsen. Die Larven fressen sich dann in den Stängel hinein und bleiben dort bis zum nächsten Frühling. Deshalb solltest du alte Nesseln noch stehen lassen, um der neuen Käfergeneration eine Chance zu geben.

Brennnessel-Spitzmausrüssler: Dieser Winzling wird gerade einmal 1,9 bis 2,3 Millimeter groß. (Foto: AfroBrazilian auf Wikipedia)
Auf den leckeren Nesselsaft hat es die Gepunktete Nesselwanze (Liocoris tripustulatus) abgesehen. Sie saugt zwar am liebsten an Brennnesseln, ist aber hin und wieder auch auf Giersch (Aegopodium podagraria) und Mädesüß (Filipendula ulmaria) anzutreffen.

Mit viel Liebe unterwegs: Die schwarz-gelbe Nesselwanze trägt ein gelbes Herz auf dem Rücken und hat gesteifte Beine. (Foto: Daniel Seth Jackson auf Wikipedia)
Vergessener Nesselstoff
Die in den Stängeln enthaltenen Fasern lassen sich sowohl zu samtig-weichem Tuch als auch zu grob-kratzigem Stoff verweben. Das sogenannte Nesseltuch war neben Hanf und Leinen ein typischer Gebrauchsgegenstand in Europa. Doch da sich die Brennnessel nicht industriell verarbeiten lässt, geriet Nesseltuch in den letzten Jahrhunderten in Vergessenheit.
Heute kennen wir Nesseltuch vor allem noch aus alten Geschichten, wie zum Beispiel dem Märchen "Die wilden Schwäne" von Hans Christian Andersen. Darin webt meine Namensvetterin Elisa für jeden ihrer elf Brüder ein Nesselhemd, um sie von einem Fluch zu erlösen.
Weltweit gibt es übrigens ganz verschiedene Brennnesselarten. Eine davon hat es zu besonderer Berühmtheit gebracht: die Ramie (Boehmeria nivea). Sie wurde 1801 auf einem Gemälde von François Gérard in Öl festgehalten. Es zeigt die französische Kaisern Joséphine in einem weißen Ramie-Kleid.

Napoléons Frau: Madame Joséphine in einem zarten Ramie-Kleid. Ein absolutes Luxusgut, denn Ramie-Fasern sind zwar besonders lang, aber weniger reißfest. Joséphine tanzte ein solches Kleid an einem einzigen Abend durch. (Quelle: Wikipedia)
Übrigens: Kleine Nesselschwester
Neben der Großen Brennnessel wächst bei uns auch noch die Kleine Brennnessel (Urtica urens). Ihr Name beschreibt bereits einen wichtigen Unterschied zu ihrer großen Schwester: Sie wird gerade einmal 60 Zentimeter hoch und hat kleinere, eher rundliche Blätter. Sie ist einhäusig, dass heißt, männliche und weibliche Blüten sitzen auf der gleichen Pflanze. Und sie wird nur ein Jahr alt. Da sie nicht aus einem vorhandenen Wurzelwerk herauswachsen kann, muss sie sich jedes Jahr neu aussäen.
In allem anderen ist sie ihrer großen Schwester sehr ähnlich: Sie hat die gleichen Inhaltsstoffe, lässt sich ebenso zum Kochen und Weben verwenden und zieht die selben Tiere an.
Aber Achtung: Ihre Härchen brennen noch viel intensiver!

Kleine Brennnessel: Am deutlichsten unterscheidet sich die Kleine Brennnessel von ihrer großen Schwester durch die Form ihrer Blätter und Blüten. Die Blätter sind kleiner und rundlicher. Die Blüten sitzen kugelförmig beisammen. (Foto: Harry Rose auf Wikipedia)
Häufige Fragen
Wieso brennen Brennnesseln?
Brennnesseln besitzen sogenannte Brennhaare. Sticht man sich daran, gelangt eine Mischung aus Ameisensäure, Histaminen, Acetylcholin und Serotonin unter die Haut. Deshalb brennt und juckt es.
Wie lange brennen Brennnesseln?
Das hängt davon ab, wie empfindlich die betroffene Person ist. Für gewöhnlich hört das scharfe Brennen nach ein paar Minuten auf, während der Einstich bei Berühren durchaus noch ein paar Tage später spürbar sein kann.
Was hilft gegen das Brennen von Brennnesseln?
Hast du dich an einer Brennnessel „verbrannt“, benetze die Stelle mit Feuchtigkeit, zum Beispiel Wasser oder Spucke. Dann puste darauf. Das kühlt und verschafft dir Erleichterung.
Was bewirkt Brennnesseltee?
Brennnesseltee wirkt harntreibend. Er regt den Stoffwechsel und die Verdauung an.
Wie kann man Brennnesseln zubereiten?
Nimm für die Zubereitung nur junge, schöne und saubere Blätter ohne Fraßspuren vom oberen Teil der Pflanze.
Für Tee kannst du frische oder getrocknete Brennnesselblätter mit kochendem Wasser übergießen. Bei einer Frühjahrskur solltest du den ersten Aufguss wegschütten und erst den zweiten trinken.
Wenn du Brennnesselblätter als grüne Soße zu Nudeln oder als Suppe zubereiten möchtest, hacke sie fein und koche sie mit Brühe auf. Mit Crème fraîche kannst du noch verfeinern.
Ist Brennnessel gesund?
Ja, Brennnesseln sind sehr gesund. Sie enthalten Vitamine (A, C, E), Mineralstoffe (Kalium, Kalzium, Eisen, Mangan) und Eiweiß. Auch die Brennflüssigkeit ist gesund. Äußerlich angewendet, fördert sie die Durchblutung der Haut und lindert rheumatische Beschwerden.
Wo wachsen Brennnesseln am besten?
Brennnesseln sind Stickstoffanzeiger, das heißt, sie wachsen auf stickstoffhaltigen Böden. Oder anders herum gesagt: Wo Brennnesseln wachsen, ist der Boden stickstoffhaltig. Besonders viel Stickstoff befindet sich im Urin und in Autoabgasen. Deshalb wachsen Brennnesseln gerne an Viehweiden, auf Hunderouten und an Straßenrändern.
Wie bekämpft man Brennnesseln im Garten?
Da Brennnesseln ein weitreichendes Wurzelsystem haben, aus dem sie immer wieder austreiben, musst du sie unterirdisch in Schach halten. Setzte zum Beispiel eine Rhizom- oder Wurzelsperre, um ihre Ausbreitung gezielt einzuschränken oder grabe sie mit Wurzeln aus.
Wie macht man aus Brennnesseln Dünger?
Brennnesseldünger herzustellen ist ganz einfach: Du legst geschnittene Brennnesseln in Wasser ein. Du kannst sie entweder direkt in die Gießkanne geben oder in einen Bottich. Wenn der Sud anfängt nach Jauche zu stinken, ist es fertig. Wegen des unangenehmen Geruchs wird Brennnesseldünger auch "Brennnesseljauche" genannt.