Was ist eigentlich die Rußrindenkrankheit?
Ein Baumschädling aus Nordamerika
Hinter der Rußrindenkrankheit steckt ein Schlauchpilz mit dem lateinischen Namen Cryptostroma corticale. Ursprünglich im Gebiet der Großen Seen in Nordamerika beheimatet, wurde er um die Jahrhundertwende durch den internationalen Holzhandel nach Europa eingeschleppt. 1945 zeigte sich die Rußrindenkrankheit erstmals in London, seit 2005 breitet sie sich auch in Deutschland unaufhaltsam aus.
Betroffen sind ausschließlich Ahornbäume, insbesondere der Bergahorn (Acer pseudoplatanus).

Besonders betroffen: der Bergahorn (Acer pseudoplatanus). Aber auch Spitzahorn (Acer platanoides) und Feldahorn (Acer campestre) rafft der Pilz dahin. (Foto: Vier Fährten)
Warten auf heiße Jahre
Die feinen Pilzsporen lassen sich mit dem Wind zu neuen Wirtsbäumen tragen. Über winzige Verletzungen in der Rinde gelangen sie in das Innere des Baums. Dort dringen sie bis ins Kernholz vor, das normalerweise für die Abwehr sämtlicher Pilze sorgt.
Über viele Jahre hinweg können die Rußrindensporen dort ruhen, ohne ihren Wirtsbaum zu beeinträchtigen. Erst wenn der Ahorn in einem heißen Jahr unter Trockenstress leidet, ist ihre Zeit gekommen: Dann wachsen sie explosionsartig los.

Jede Holzschicht hat ihre Aufgabe: Das Mark speichert Nährstoffe. Das Kernholz sorgt für Stabilität. Das Splintholz transportiert Wasser nach oben. Im Kambium wachsen neue Jahresringe. Die Bastschicht transportiert Nährstoffe aus der Krone zu den Wurzeln. Die Rinde schützt den Baum. (Grafik: Vier Fährten)
Wie Ruß unter der Rinde
Bekommt der Wirtsbaum in einem Hitzejahr zu wenig Wasser, erwacht der Rußrindenpilz zum Leben. Nun wächst er aus dem Kernholz zurück zur Rinde, doch diesmal schädigt er den Baum: Erste Anzeichen sind welke Blätter, später sterben ganze Kronenbereiche ab. Während seiner Entwicklung zerstört der Pilz die Leitbahnen und die innere Struktur des Baumes.
Hat der Pilz die Rinde erreicht, platzt diese in großen Längsrissen auf und blättert ab. Darunter kommt die dicke, schwarze, namensgebende Schicht zum Vorschein: der "Ruß". Jetzt blüht der Pilz. Er produziert Unmengen an neuen Sporen, die darauf warten, vom Wind zu neuen Wirtsbäumen getragen zu werden.

Wie im Ofen: Ist der Ruß frisch, färbt er ab. Berührt man eine der aufgeplatzten Stellen, werden die Hände schwarz. (Bild: YouTube Video "Rußrinde" von ARB-IT, 1:17)
Eine "Krypta" für die Sporen
Die Rußschicht ist das sogenannte Stroma des Pilzes, ein dichtes Geflecht aus Pilzfäden, in denen er sich ungeschlechtlich fortpflanzt. Es hat einen interessanten Aufbau, denn es ähnelt einer strebengetragenen Halle: Es gibt ein Bodenstroma am Holz und ein Dachstroma unter der Rinde. Dazwischen wachsen zarte Säulen aus Pilzfäden, die etwas mehr als einen Millimeter lang werden können. Unter dem Mikroskop betrachtet sieht dieser Raum wie eine Krypta aus und hat den lateinischen Namen Crypto-stroma inspiriert.
Das Bodenstroma bildet in diesen Zwischenraum hinein die neuen Sporen aus, während das Dachstroma Stück für Stück zerfällt. Ist es verschwunden, gelangen die Sporen in den Wind.
Abstand halten vom "Ruß"
In der Rußschicht bildet Cryptostroma corticale verhältnismäßig viele Sporen aus. Sind sie reif, werden sie zu Millionen von Wind und Regen verbreitet. Durch ihre hohe Dichte können sie auch für uns Menschen problematisch werden.
Die frischen Sporen können die Atemwege reizen und grippeartige Symptome hervorrufen wie Reizhusten, Fieber oder Schüttelfrost. Eine Behandlung ist allerdings nicht notwendig, da die Beschwerden nach spätestens vierzehn Tagen von allein wieder abklingen.
Gefährdet sind vor allem Berufsgruppen, die im Wald arbeiten. Solange man beim Spazierengehen nicht auf betroffene Bäume klettert oder darunter ein Picknick macht, sind erkrankte Ahornbäume nicht weiter gefährlich.

Dichter Ruß: Eine blühende Rußrinde enthält 100–170 Millionen Sporen pro cm²! Im Querschnitt sind die Schwarzfärbungen deutlich zu erkennen. (Foto: Vier Fährten)
Übrigens: Wie du Ahornbäume schützen kannst
Derzeit gibt es kein Mittel, um die Rußrindenkrankheit einzudämmen oder gar zu bekämpfen. Trotzdem kannst du etwas für die Gesundheit der Ahornbäume tun. Vor allem, wenn sie in deinem Garten oder vor deinem Haus wachsen: Gieße sie.
Die Rußrinde profitiert vom Klimawandel. Sie entwickelt sich nur, wenn der Baum zu wenig Wasser bekommt und unter Trockenstress leidet. Deshalb ist ein gut gewässerter Boden die beste Vorsorge. Aus diesem Grund erkranken vor allem jüngere Bäume, denn ihr Wurzelwerk reicht oft nicht tief genug, um in schwierigen Zeiten an genügend Wasser zu gelangen. Alte Bäume hingegen trotzen dem Pilz sehr geduldig.

Immer tödlich für den Baum: Ist die Rußrindenkrankheit aktiv, kann sie einen Ahorn innerhalb eines Sommers zum Absterben bringen. Sind die Bedingungen weniger günstig, kann es auch etwas länger dauern. Nach ein paar Jahren werden diese Bäume weiß und staubig. (Foto: Vier Fährten)