Was macht eigentlich das Bärtierchen im Frühling?
Was ist überhaupt ein Bärtierchen?
Das Bärtierchen (Tardigrada), manchmal auch Wasserbär genannt, ist ein mikroskopisch kleines Wesen, das zu den Gliedertieren gehört. Es hat acht Beine und an den Füßen beeindruckend große Krallen. Am Kopf sitzen genau zwei Sehzellen, dazwischen befindet sich sein Schlund: ein Stilettapparat, mit dem es seine Nahrung ansticht, und ein Mundrohr, um den austretenden Saft einzusaugen.

Ähnlichkeiten: Das Bärtierchen wurde erstmals 1773 vom deutschen Zoologen Johann August Ephraim Goeze entdeckt. Da ihn das Aussehen und die tapsige Gangart des Winzlings an einen Bären erinnerte, benannte er es kurzerhand "Kleiner Wasserbär". (Foto: Schokraie E, Warnken U, Hotz-Wagenblatt A, Grohme MA, Hengherr S und andere, Wikipedia)
Vom Bärtierchen sind weltweit über 1.300 Arten bekannt, die zwischen 0,1 und 1,2 Millimeter groß werden. Es gibt sie schon seit Jahrmillionen: Sie sind ein Überbleibsel des Urkontinents Pangaea, stammen also aus einer Zeit, als unsere heutigen Kontinente noch miteinander verschmolzen waren!
Wasser als Lebensgrundlage
Bärtierchen kommen überall auf der Welt vor: in der eisigen Arktis, auf den höchsten schneebedeckten Bergspitzen, in den salzigen Ozeanen, an unterseeischen heißen Quellen, im tiefen Marianengraben – und natürlich in den Süßwasserseen, Tümpeln und Pfützen vor unserer Haustür. Die einzige Voraussetzung für ihre Existenz ist Wasser. Sofern es einen hauchdünnen Wasserfilm gibt, sind Bärtierchen aktiv. Und es ist ihnen dabei ziemlich egal, ob es gerade Winter, Sommer, Frühling oder Herbst ist.

Kreislauf: Bärtierchen haben weder ein Herz noch eine Lunge. Sie atmen über die Haut. (Foto: Matteo Pasotti, Wikipedia)
Fressen und gefressen werden
Die putzigen Winzlinge fressen das, was ihr Lebensraum hergibt. Manche Arten ernähren sich vegetarisch und schlürfen Algen, Seerosen und andere Wasserpflanzen aus. Andere pieksen auch mal in Aas oder Artgenossen. Die etwas größeren Verwandten machen sogar aktiv Jagd auf andere Gliedertiere. Im Meer leben sie manchmal parasitär auf Muscheln oder Krebsen.
Haben sie sich kugelrund gefuttert, wird ihnen mit der Zeit ihre Haut zu eng. Dann streifen sie sie ab und wachsen dabei ein Stückchen. In solchen Momenten müssen sie besonders aufpassen, nicht selbst auf dem Teller eines hungrigen Fressfeindes zu landen. Denn sie stehen bei vielen Tieren auf der Speisekarte: Landbewohnende Bärtierchen müssen sich vor Rädertierchen, Fadenwürmern, Milben, Insektenlarven, Regenwürmern und Springschwänzen in Acht nehmen.

Springschwänze: Die Winzlinge sind zwischen 0,1 und 17 Millimeter groß. Wir kennen sie aus der Blumenerde, wo sie unsere Zimmerpflanzen zwar nicht schädigen, uns aber lästig werden können. Vor allem, wenn sie sich stark vermehren. (Foto: Jaiiiiiiii, Wikipedia)
Fortpflanzung im Häutungshemd
Bärtierchen pflanzen sich geschlechtlich fort. Das heißt, Männchen und Weibchen paaren sich. Es kommen allerdings auch Zwitter vor, die sich selbst befruchten können, oder Weibchen, aus deren unbefruchteten Eiern einfach weitere Weibchen schlüpfen, wenn sie keinen Partner finden. Für das Überleben ist also in jedem Falle gesorgt.
Bei der Paarung umklammert das Männchen sein Weibchen und übergibt dabei die Spermien. Wohin genau sie dann kommen, ist unterschiedlich. Manchmal nimmt das Weibchen die Spermien in zwei Samenbläschen im Körper auf, um später mit ihnen seine Eier zu befruchten. Andere Arten wiederum warten auf den Moment, wenn sich das Weibchen häuten muss. Dann drücken die Männchen ihre Spermien unter die sich lösende Haut des Weibchens, sodass Eier und Spermien im sogenannten "Häutungshemd" miteinander vermischt werden. Wiederum andere Arten legen Eier und Spermien irgendwo ab, sodass die Befruchtung außerhalb des Körpers vollzogen wird.
Ein Bärtierchen-Weibchen legt maximal 35 Eier ab. Je älter es wird, umso mehr Eier kann es bilden. Sobald ein Ei mit Wasser in Kontakt kommt, beginnt es zu quellen. Innerhalb von 5 bis 40 Tagen platzen die Eier dann auf, und die noch winzigeren Bärtierchen-Larven schwimmen durchs Wasser. Bis sie so aussehen wie ihre Eltern, müssen sie sich erst noch ein paar Mal häuten. Sofern sie ununterbrochen im Wasser sind, werden sie zwischen drei Monaten und zweieinhalb Jahren alt.

Große Krallen: Von unten sind die Krallen besonders gut sichtbar. (Foto: Willow Gabriel, Goldstein Lab, Wikipedia)
Unverwüstlich durch außergewöhnliche Anpassungsstrategien
Bärtierchen sind wahre Anpassungskünstler. Solange sie genügend Zeit haben, können sie sich perfekt an wechselnde, zum Teil sogar lebensfeindliche Umweltbedingungen anpassen.
Wenn zum Beispiel um sie herum der Sauerstoffgehalt sinkt und sie nicht mehr über die Haut atmen können, saugen sie sich mit Wasser voll und quellen dabei deutlich auf. Sie werden dann zu ihrem eigenen geschlossenen System und können mehrere Tage ohne Sauerstoff überdauern.
Oder wenn die Temperaturen stark abfallen und es plötzlich eiskalt wird, werden sie ganz schläfrig, verlangsamen ihren Stoffwechsel bis fast zum Erliegen und bilden ihr eigenes Frostschutzmittel.
Die für sie jedoch herausfordernste Veränderung ist, wenn ihre Umgebung austrocknet. Denn ohne Wasser können sie nicht leben. Für diesen Fall haben sie eine besonders radikale Strategie entwickelt: den Tönnchen-Zustand.
Das berühmte "Tönnchen"
Sobald es trocken wird, schrumpeln Bärtierchen zusammen. Sie ziehen die Beinchen ein und fahren ihren Stoffwechsel komplett herunter. In diesem Zustand sind sie offiziell nicht mehr lebendig, denn sie erfüllen keines der sieben Merkmale des Lebens wie Reizbarkeit, Bewegung, Wachstum usw. Sie sind in einem todesähnlichen Zustand, ohne tatsächlich tot zu sein.
Für gewöhnlich überleben Bärtierchen bis zu 6 Jahre komplett ohne Wasser. Es gab allerdings Experimente, in denen sie nach 30 Jahren und sogar nach 120 Jahren wieder auferstanden sind! Und das Tolle dabei: Während sie sich im Tönnchen-Zustand befinden, altern sie nicht. Das heißt, Bärtierchen können durchaus älter werden als zweieinhalb Jahre, bloß bekommen sie davon nichts mit.
Diese Extremstrategie hat die Wissenschaft zu wilden Experimenten beflügelt: Bärtierchen wurden eingefroren, gekocht und sogar ins All geschossen, um zu schauen, ob sie Vakuum und Strahlung überstehen. Und ja, die meisten Winzlinge sind nach diesen Reisen wieder zum Leben erwacht!

Tönnchen: In diesem Zustand können Bärtierchen viele Jahre überdauern. (Zeichnung: Benjamin Stein, Wikipedia)
Der Stoff, aus dem Superhelden sind
Doch wie gelingt es den Bärtierchen, diese Extremzustände auszuhalten und danach frisch und munter weiterzuplanschen, als ob nichts gewesen wäre? Die Wissenschaft vermutet, dass es mit ihrem Erbgut zusammenhängt.
Bärtierchen besitzen nämlich eine ganze Reihe einzigartiger Reparatur- und Schutzgene, die vermutlich dafür verantwortlich sind, dass sie nach dem Tönnchen-Zustand gesund bleiben. Besonders beeindruckt waren die Forscherinnen und Forscher vom Dsup. Dsup steht für damage suppressor protein, auf Deutsch etwa Protein zur Schadensunterdrückung. Bei schädlicher Strahlung, wie zum Beispiel im Weltraum, legt sich Dsup als Knäuel um die DNA und bewahrt sie dadurch vor dem Zerbrechen. Kein anderes Lebewesen hat diese Fähigkeit!

Bärtierchen im Porträt: Die beiden Sehzellen und der rundliche Schlund sind deutlich zu erkennen. (Foto: Frank Fox, Wikipedia)
Übrigens: Auch wenn dir das Bärtierchen jetzt wie ein waschechter Superheld aus einer fernen Galaxie erscheint, ist es doch ganz nahbar. Denn es kommt auch in deiner direkten Umgebung vor, und du musst noch nicht einmal lange nach ihm suchen. Sammle einfach ein bisschen Moos von einer Regenrinne, einem Stein oder aus einer feuchten Ecke hinterm Haus. Lege das Moos für etwa eine Stunde in eine Schale mit Wasser. Wenn du das Wasser dann unter einem Mikroskop betrachtest, hast du sehr gute Chancen, die kleinen Wasserbären zu entdecken.
Häufige Fragen zum Bärtierchen
Wie groß sind Bärtierchen?
Die meisten Bärtierchen-Arten werden im Schnitt 0,3 bis 0,5 Millimeter groß. Es gibt aber auch Winzlinge von 0,1 und Riesen von 1,2 bis 1,5 Millimeter.
Kann man Bärtierchen mit bloßem Auge sehen?
Bärtierchen werden zwischen 0,1 und 1,2 Millimeter groß. Hier in Mitteleuropa erreichen sie im Durchschnitt einen halben Millimeter. Mit dem bloßen Auge sieht ein halber Millimeter aber nur aus wie ein winziger Punkt, wie zum Beispiel ein Sandkorn. Das heißt, ja, du kannst ein Bärtierchen auch ohne Mikroskop sehen, erkennst es aber nicht als solches. Körperform, Beinchen und Gesicht werden erst durch eine Vergrößerung für unsere Augen sichtbar.
Wie lange lebt ein Bärtierchen?
Ein Bärtierchen, das wach und aktiv ist, lebt in der Regel zwischen drei Monaten und zweieinhalb Jahren. Verändern sich jedoch seine Umweltbedingungen und es verwandelt sich in das widerstandsfähige Tönnchen, kann es in diesem Zustand viele weitere Jahre überleben, ohne dabei zu altern.